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Diplom, 2021

cardboard, paper, printed, embossed, signed

A3 folded

Text von Tatjana Schäfer

Mit kaum etwas wird das Konzept von Berufung so eng verbunden, wie mit dem Dasein als Künstler*in. Gleichzeitig existiert auch diese Berufung in einem von Bürokratien und Kapitalismus geprägten System. Das Kunststudium kennzeichnet eine Etappe, das Diplom eine Schwelle. Den Übertritt in eine zertifizierte Existenz am freien Markt. Dabei liegt die faktische Veränderung in dem Erhalt und Besitz eines Zeugnisses. Ein Blatt Papier, das Welten trennt.

Simon Freund präsentiert als Abschlussarbeit seine original unterzeichnete Diplomurkunde in einer Vitrine. Dabei beruht die schlicht als Diplom betitelte Arbeit auf einem paradoxen Sachverhalt: In der Chronologie des Prüfungsprozesses wird die Urkunde erst nach erfolgreichem Bestehen der Abschlussarbeit an den Anwärter ausgestellt. Simon Freund hat sich das Originaldokument im Vorfeld beschaffen, dem Prinzip folgend, dass er unter „Verdacht steht“ zu bestehen. Indem er nun das Diplom der Prüfungskommission zur Bewertung vorlegt, fordert er auf zur kritischen Beleuchtung althereingebrachter Bewertungsmechanismen, darunter insbesondere von ehrfurchtträchtigen Konstrukten, wie die Unfehlbarkeit der Professoren.

Die künstlerische Geste stellt eine konzeptuelle Auseinandersetzung mit den verschiedenen Bedeutungsebenen eines Abschlusszeugnisses dar: Welchen Stellenwert misst unsere leistungsorientierte Gesellschaft einem Zertifikat bei? Wie verhält sich die Beurteilung einer einzigen Abschlussarbeit zur Anerkennung des über die Jahre erfolgten Reifeprozesses? Nach welchen Kriterien wird Erfolg gemessen?

Diplom zeigt das facettenreiche Spannungsverhältnis zwischen materiellem und ideellem Wert eines Dokumentes auf. Die objekthafte Beschaffenheit ist nicht von der Handschrift des Künstlers geprägt, sondern wörtlich von einem Wasserzeichen und der Signatur eines anderen Künstlers, der hier jedoch in der Rolle des Akademiepräsidenten unterzeichnet. Darin schwingt auch der Verweis auf soziale Identitäten mit, die anhand offizieller Rollen definiert werden und je nach Kontext abrufbar sind.

In dem Geflecht aus Haptik und Symbolik, stellt sich letztlich die Frage nach der eigenen Verortung gegenüber den dinglichen Eigenschaften des Zeugnisses und dem gesellschaftlich zugetragenen Wert. Diplom übt autorisierte Kritik daran, dass existentielle Entwicklung anhand externer Maßstäbe gemessen wird. Vor allem setzt die Arbeit ein Zeichen dafür, dass sich das tradierte Anerkennungssystem ungebrochen fortsetzt, und nicht zuletzt humorvoll unterlaufen werden kann.